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Das Fairphone 3

Die Vorgeschichte

Wegen Kleinigkeiten, die bestimmt nicht mehr als ein paar Euro für Teile kosten würden (welche aber kaum zu bekommen und direkt auf das Mainboard gelötet sind), musste ich vor zweieinhalb Jahren mein OnePlus One durch ein OnePlus 3T ersetzen - ein wundervolles dünnes Gerät, das man komplett mit Schrauben auseinandernehmen konnte, für das man heute noch fast alle Ersatzteile bekommt, und das so bei mir einige Reparaturen durchgestanden hat. Vor ein paar Monaten scheiterte es jedoch leider an einem Mainboardproblem, dem auch mein Backofen nicht gewachsen war. Der zwischenzeitliche Nachfolger wurde mangels Alternativen, und in einem Anfall von Nostalgie für die alten Symbian-Tastenhandys, die Banane, also das Nokia 8110: eine gute Idee, furchtbar umgesetzt, mit mieser Bauqualität und einer miserablen Software, die nicht einmal ansatzweise mit dem Stand von Symbian vor 10 Jahren mithalten und sich beim Mails lesen anfühlt, als würde man auf einem Raspberry Pi erster Generation gerade GTA5 spielen, während sämtliche Daten zu Werbezwecken nach China geschickt werden. Zu allem Überfluss hat Nokia noch die Entwickleroptionen deaktiviert, womit das ganze momentan komplett unbrauchbar für mich ist, und bis zu einem entsprechenden Softwareupdate oder zur Wiederbelebung als LTE-Modem in irgendeiner Schublade verschwindet.

Die Lösung?

Am 27. August wurde nun das Fairphone 3 angekündigt: ein Telefon mit allen Funktionen die ich brauche, und vor allem gut reparierbar und so fair wie möglich produziert. Für doch immerhin 450€ ist zwar keine Notch mit randlosem Display, fünf Kameras oder die neueste KI-basierte Gesichtserkennungstechnologie mit an Bord, aber ganz ehrlich: braucht man das wirklich? In den letzten Jahren ist mir aufgefallen wie viel ein leicht zu reparierendes Handy wert ist, und wenn es mal länger als drei Jahre durchhält, ist das definitiv ein Preis, den ich zu zahlen bereit bin, gerade wenn es heute nur noch geklebte Handys gibt. Die Fairness ist dazu ein guter Bonus, und dass die Firma aus den Niederlanden ist und bereits zwei Handys auf den Markt gebracht hat ebenfalls. Die Vorgängermodelle konnten wohl mit der Konkurrenz nicht so wirklich mithalten, man musste hier schon auf recht vieles verzichten. Aber das neue Fairphone 3 sah auf dem Papier richtig gut aus.

Also hab' ich das Ding kurzerhand vorbestellt, und seit fünf Tagen ist es da! Sogar zum versprochenen Liefertermin, auch wenn ich trotzdem wegen Lieferproblemen einen Gutschein für Ersatzteile bekommen habe.

Erster Eindruck

"Verdammt, ist das ein dicker Brocken!" Ja, das Fairphone 3 ist ein großes und schweres Handy. Aber schon nach ein paar Minuten wird klar: das ist ein Telefon für Poweruser - und zwar nicht solche, die gerne ein wunderschönes Schmuckstück in der Hand halten, um darauf PC-Spiele zu spielen und Freunde zu beeindrucken, sondern solche, die einen zuverlässigen Begleiter für den Alltag brauchen, auf den sie sich jederzeit verlassen können. Und als solches kann es sich die Größe locker leisten - meinem Eindruck nach ist das Gerät stabil & durchdacht gebaut, hat keinen Schnickschnack wie zusätzliche Kameras, und ein Bumper ist direkt mit dabei, falls es mal auf den Boden fällt. Es fühlt sich richtig gut an in der Hand, rutscht nicht, und die Rückseite ist wirklich schick mit dem halbtransparenten Look - das erste was man machen will ist sich das Handy von innen anzuschauen.

Hardware & Reparierbarkeit

Das wichtigste also gleich zuerst: was, wenn mal etwas kaputt geht? Die Rückseite lässt sich superleicht abnehmen, und man kommt an alle Teile relativ leicht dran. Komplett auseinandergenommen habe ich das Handy zwar noch nicht, aber alles sieht echt gut durchdacht aus. Die bleibenden Fragen sind dennoch: wie lange wird es Ersatzteile geben? Und was passiert bei einem kaputten Mainboard, da es dieses wohl nicht direkt/offiziell als Ersatzteil zu kaufen gibt?

Auch sonst gibt es viele durchdachte (dieses Wort werde ich wohl noch öfter nutzen) Entscheidungen bei diesem Telefon: das 5.65" große IPS-Display mit dafür ziemlich gutem Kontrast ist beispielsweise komplett flach, was perfekt für diese Schutz-"Folien" aus Tempered Glass ist - so zerkratzt weder das Handy selbst, noch allzu schnell die Schutzfolie. Der Rest am Fairphone ist Hartplastik (mit 50% Recyclinganteil), was vermutlich ziemlich viel durchstehen wird - den Schlüssel packe ich inzwischen trotzdem in eine andere Hosentasche.

Der Lautsprecher ist klar und laut (aber Musik würde ich damit nicht unbedingt hören), und der Vibrationsmotor schön leise und stark. Auch die Benachrichtigungs-LED ist groß und hell, und selbst die in Bildern sehr auffällige Hörmuschel fügt sich elegant ins Design ein - und es kommt tatsächlich Ton in einer angemessenen Lautstärke heraus, ein Luxus den ich mit dem 3T wegen irgendeinem Problem nicht immer hatte.

Eine Kamera pro Seite ist auch noch verbaut - beide machen gute scharfe Bilder (manchmal durch die Software etwas zu scharfe), die sich problemlos für Dokumente, Urlaubsschnappschüsse und Instagram Pixelfed eignen (siehe Beispielbilder), und auch mit so manch etwas älteren Flaggschiff-Handykameras mithalten können. Für alles mit höheren Ansprüchen ist meiner Meinung nach sowieso eine richtige Kamera eine Anschaffung wert. Schön zu sehen ist auch, dass die hintere Kamera nicht (bzw. kaum) aus dem Gehäuse hervorsteht.

Der Fingerabdruckssensor ist mit mittelgroßen Händen ganz gut erreichbar, und funktioniert zuweilen zu gut - wenn man schräg drauf kommt hat er oft schon 5 Scans geschafft bevor mein Finger richtig draufliegt, und dann muss ich meinen Sperrcode manuell eingeben. Ich habe es auch schon geschafft, das Handy versehentlich beim Rausholen zu entsperren. An der Hardware ist also nichts zu meckern, nur die Software ist nicht perfekt darauf abgestimmt.

Aufladen lässt sich das Gerät übrigens per USB C, und das auch recht schnell dank QuickCharge 3, etwas gedrosselt damit der Akku länger hält. Einmal voll reicht dieser ohne Probleme für einen kompletten Tag bei ziemlich starker Nutzung durch. Schließt man es an einen PC an, erhält man leider nur USB 2.0-Geschwindigkeit, das brauche ich persönlich aber nur selten.

Ansonsten gibt es zur Hardware eigentlich nicht viel zu sagen - alles funktioniert so, wie es sollte, nichts an dem Gerät erscheint überflüssig - und NFC, Kopfhöreranschluss, MicroSD-Schacht, Dual SIM, Wechselakku und andere Sachen die in dünnere Handys nicht mehr hineinpassen fühlen sich hier an wie eine Selbstverständlichkeit.

Software

An sich läuft auf dem Fairphone 3 ganz normales Android 9 - flüssig, stabil und so wie man es kennt. Ein wenig verschandelt wurde das System jedoch, und zwar mit allen Google-Apps, die man sich vorstellen kann. Selbst Uhr und Kontakte, und gerade bei letzterem gibt es noch keine wirkliche Alternative, abgesehen von der sehr guten Standard-App, die hier überschrieben wurde.

Ansonsten fehlen leider einfach ein paar Funktionen: es gibt kein Tap-To-Wake, keine Cursorbewegung per Pfeiltasten, Inaktivitätsdisplay nur bei Benachrichtigungen, und bestimmt noch vieles mehr - und selbst Google Pay lässt sich aus irgendeinem Grund nicht einrichten. Alles kein Beinbruch, aber zusammen mit der fehlenden Möglichkeit das Gerät zu rooten und dem momentan nur für die Zukunft angekündigten Release von Fairphone Open OS fehlt mir da doch etwas. Aber immerhin, der Bootloader lässt sich sehr einfach entsperren, und ich vermute (und hoffe), dass TWRP und Magisk damit nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Fazit

Insgesamt bekommt das Fairphone 3 nach fast einer Woche Nutzung von mir 9/10 Punkte - es ist exakt das was es sein will, und exakt das was ich brauche, und der Preis ist dafür auch der richtige. Nur die Software erfüllt noch nicht alle meine Wünsche; hier wird jedoch hoffentlich bald nachgebessert, entweder von Fairphone oder von der Community. Insgesamt wäre es aber großartig, wenn Fairphone selbst nicht nur die Hardware fair baut, sondern auch auf faire, offene Software mit Fokus auf Privatsphäre setzen würde. Außerdem wird die Zeit zeigen, wie lange Ersatzteile erhaltbar sein werden. Insgesamt fühlt sich das Gerät aber definitiv so an, als ob ich damit lange Zeit sehr viel Spaß haben werde.

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